BSE - Kein Konzept,
keine Strategie, keine
Lösung
veröffentlicht im
Bremerhavener Kurier am 17.1. 2001
Nachdem
der Rinderwahnsinn nun auch in der Region Bremerhaven zugeschlagen hat, ist die
Verunsicherung riesig. Jan-Philipp Hein und Michael Leitner über das Chaos nach
dem Tag X und über andere Erklärungen für die „Seuche“
Man soll nicht alles glauben, was im Fernsehen zu
sehen ist. Das gilt aber auch für andere Medien. Jede Zeitung, jede
Fernsehsendung ist dieser Tage stark BSE-haltig. Auflagensteigerung per
Panikmache ohne eine einzige BSE-kranke Kuh in deutschen Landen. Jetzt steht
das BSE-Spektakel vor unserer Tür. Was aber in den Nachrichten vergessen wird:
Die Theorie von den infektiösen Prionen steht auf wackligen Beinen. In
Deutschland gibt es nur Verdachtsfälle aufgrund positiver BSE-Tests.
Die BSE-Geschichte hat eine andere Seite. Auch in
der Ärztezeitung ist schon darüber berichtet worden. Es mehren sich Zweifel, ob
BSE eine Infektionskrankheit ist, ob die BSE-Test funktionieren können. Warum
Englands Rinder krank waren und deutsche Kühe positiv auf BSE getestet werden.
Darum geht es in diesem Artikel.
Die Elmloher Sporthalle in der Nähe von Bremerhaven
ist rappelvoll. Etwa 400 Landwirte aus dem Landkreis Cuxhaven folgten einer
Einladung des niedersächsischen Landvolks. Wo sonst Schulkinder Sport treiben,
findet jetzt eine Krisensitzung statt: Thema der Veranstaltung: „Die Folgen der
BSE-Krise/Neue Strukturen in der Landwirtschaft“. Die Einladungen sind seit Wochen
raus.
Die Dramaturgie könnte nicht passender sein. Denn
einen Tag vor diesem Montag geschieht das, wovor die Landwirte, die jetzt in
der Turnhalle stehen, die größte Angst hatten. BSE ist bei ihnen. Es hat das
Rind eines ihrer Kollegen aus der Nachbarschaft erwischt. Die Seuche ist in
Loxstedt angekommen - sie klopft an die Haustür der Landwirte, die hilflos in
der Turnhalle stehen. Der Landkreis Cuxhaven ist offiziell nicht mehr frei von
BSE-verdächtigen Rindern.
Die Landwirte, von den „Wahnsinns-Ereignissen“ der
vergangenen Wochen sowieso schon mitgenommen, machten ihrer Wut, ihrer
Enttäuschung und ihrer Angst Luft. Landvolkpräsident Fritz Stegen war darauf
nicht gefasst. Fast ohnmächtig erlebte er auf dem Podium mit seinen Kollegen
aus dem Verband und einigen Landtagsabgeordneten, wie sich der Zorn entlud.
„Die Politik unseres Bundeskanzlers ist eine
Unverschämtheit“, sagt einer. „Erst wird verlangt, dass wir uns für den
globalen Wettbewerb rüsten, dann sollen wir alle Ökobauern werden.“ Was denn
mit den ganzen Investitionen sei, die man schon getätigt habe? Alle in
Erwartung einer forcierten industriellen Landwirtschaft. Keine Antwort.
Die Bauern sind, nach den Verbrauchern, die
zunehmend verunsichert sind und schon jetzt kaum noch wissen, was sie essen
können, die Verlierer dieser Krise. Sie sind die Verlierer einer Krise, die
allen Beteiligten auf die Mägen schlägt. Die Bundesregierung kommt ins
Straucheln, und an diesem Dienstag spürt man auch, dass die Bauern ihren
Verbandsoberen nicht mehr trauen.
Eine große Demonstration müsse man in Berlin
organisieren. Man müsse zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt präsent sein
und „dem Kanzler einmal zeigen, wie viele wir eigentlich sind.“ Doch
Landvolkpräsident Stegen scheint nicht viel von einem Marsch auf den Berliner
Schlossplatz zu halten.
Bei Stegen liegen die Nerven blank. Doch damit
unterscheidet er sich von niemandem, der mit der BSE-Krise zu tun hat.
Aktionismus an allen Fronten. Man vermisst Strategien im Kampf gegen eine
vermeintliche Seuche. Die steht wissenschaftlich betrachtet auf ebenso
wackeligen Beinen wie der gesamte Bauernverband und weite Teile der
Bundesregierung.
Bis heute weiß niemand, wie das mit den Prionen als
BSE-Erreger eigentlich genau funktionieren soll. Das niedersächsische Ministerium
für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gibt das auch zu. Sprecher
Hanns-Dieter Rosinke: „Es ist nicht bewiesen, wie Prionen eigentlich BSE
auslösen.“ Klartext: Wir wissen auch nicht, wieso die Kühe krank werden.
Was heißt das? Aufgrund einer Vermutung, die noch
nie bewiesen wurde, werden die 252 Rinder (davon 85 Milchkühe) des betroffenen
Loxstedter Bauern wahrscheinlich getötet werden.
Alles hängt davon ab, wie das Untersuchungsergebnis
des nationalen Referenzlabors für BSE in Tübingen aussieht. Bestätigt dieses
den Befund des Schnelltestes vom Wochenende, werden die 252 Tiere getötet
werden.
Das schreibt eine bundesweite Regelung vor. Nur
südlich des Weißwurst-Äquators, im Lande der Sonderregelungen, Bayern, wendet
man diese Regelung nicht an.
Es
darf nichts rein, es darf nichts raus. Der Landwirt aus Donnern ist machtlos,
wahrscheinlich ratlos. Ein Spielball in einem Spiel, dessen Spielführer ebenso
ratlos sind. Doch genau sie entscheiden jetzt über seine Zukunft. Er ist der
14. in der Bundesrepublik, der erfahren musste, dass die sogenannten
„Killereiweiße“ auf seinem Hof zugeschlagen haben. Sie werden ihm die Herde
kosten, wenn Tübingen den Test bestätigt.
Der
Landwirt wird abgeschirmt. Kein Presserummel soll ihn jetzt, in diesen schweren
Stunden zusätzlich belasten. Denn schlimmer kann es für einen Bauern nicht
kommen. Man hängt am Vieh. Es geht nicht nur ums Geld.
Entschädigungen?
Es wird der gemeine Wert des Tieres ersetzt. Das ist der Mindestwert,
Nebenerträge wie beispielsweise die Milch, die eine Kuh gibt, werden nicht
erstattet.
Angst
und Vermutungen sind wohl die einzigen Konstanten in der bundesweiten
BSE-Hysterie - von Seiten der Landwirte, den Landesregierungen, der
Bundesregierung und der Verbraucher.
Dennoch
wird niemandem zugehört, der andere Erklärungsansätze für den Rinderwahnsinn
ins Spiel bringt.
Die
Erklärungsansätze sind vielfältig. Es geht darum: Was, anstelle der
unheimlichen Prionen, die aufgrund einer Art Mutation zu extrem
widerstandsfähigen Killern würden, die das Hirn erweichen, kann der Urheber des
Rinderwahnsinns sein.
Einen
Ansatz hat beispielsweise der Kieler Internist Dr. Claus Köhnlein. Der hat sich
mit vielen Krankheiten auseinandergesetzt, die durch den Kontakt mit Giften
entstehen können. Er findet die aktuelle BSE-Panik unbegründet: „Zunächst
einmal sollten wir uns eines klarmachen: Es gibt in Deutschland keine einzige
‚verrückte Kuh'. Was wir haben, das sind einzelne Tiere, die positiv auf BSE
getestet worden sind.“
Und
den BSE-Test hält Köhnlein für Unfug: „Wenn man nicht weiß, wie ein Erreger
etwas infiziert und man nicht nachweisen kann, dass er dazu überhaupt in der
Lage ist, worauf soll man dann testen? Auf die Möglichkeit, dass es Anzeichen
für die Bestätigung einer Vermutung gibt.“
Ohne
Erreger könne es keinen Test geben, der beweist, dass die Kuh tatsächlich krank
würde. Kein Erreger - keine Infektionskrankheit.
Köhnlein
sieht, wie andere Ärzte und Wissenschaftler auch, BSE als mögliche Folge von
Phosmet. Das ist ein Nervengift, dass in England die Kühe vor der Dasselfliege
schützen soll. Die legt ihre Eier ins Rückenmark der Rinder. Dort sollen dann
die Larven schlüpfen. Diesen Fliegen sollte Phosmet den Garaus machen.
1985,
dem Jahr der ersten BSE-Fälle, wurden die britischen Bauern per Gesetz
verpflichtet, das Nervengift ihren Rinder zur Fliegenabwehr über den Rücken zu
schütten.
Ende
der Achtzigerjahre wurde die Insel vom Rinderwahn überschwemmt. Köhnlein hat,
was Phosmet betrifft, eine wichtige Entdeckung gemacht: „Der Phosmet-Paragraph
wurde 1992 gestrichen. Seit diesem Zeitpunkt gehen die Fälle von Rinderwahn
zurück.“
Mit
der Möglichkeit, dass BSE und Phosmet in einem Zusammenhang stehen, hat sich
auch die britische Regierung vor einem Jahr auseinandergesetzt.
Forschungsgeld
wurde versprochen, weil Mark Purdey, ein britischer Bauer, eine erstaunliche
Entdeckung gemacht hatte: Seine Kühe waren mit Schlachtabfällen gefüttert
worden, also nach gängiger Hypothese einem sehr großen BSE-Risiko ausgesetzt.
Doch
keine von Purdeys Kühen war jemals krank geworden. Der Bauer hat dafür eine
einfache Erklärung: Er hat das Gesetz verletzt und niemals Phosmet verwendet.
Das unterscheidet seine Herden von den Herden, in denen es immer wieder
BSE-Fälle gibt. Die deutsche Ärzte-Zeitung berichtete darüber im Sommer 1999.
Die
BSE-Meldungen aus Deutschland, wo Phosmet nie verwendet wurde, scheinen Purdey
und auch Claus Köhnlein zu widerlegen. Köhnlein stellt, damit konfrontiert, nur
abermals klar: „Noch einmal: Wir haben es bei uns nicht mit BSE-Fällen zu tun.
Wir haben Kühe, von denen man nur behauptet, sie trügen einen dubiosen
Krankheitserreger in sich. Es gibt keine an BSE erkrankte Kuh in Deutschland.
Wir dürfen einen positiven Test nicht mit Krankheit gleichsetzen!“
Die
Vermutung, dass BSE durch die Prionen ausgelöst wird, ist für Köhnlein nicht
bewiesen: „Es wurde zwar in einem Wissenschaftsmagazin von einer Studie
geschrieben, bei der man Rinder mit dem Gehirn BSE-kranker Artgenossen
fütterte. Ergebnis war, so ist es zu lesen, dass die Kühe umso schneller krank
wurden, je mehr Hirn an sie verfüttert wurde.“
Doch
die Sache habe einen Haken: Die Studie selbst sei nirgendwo veröffentlicht,
somit nicht wissenschaftlich prüfbar: „Dann ist sie wissenschaftlich gesehen wertlos.
Wissenschaft heisst Nachvollziehbarkeit. Was andere Wissenschaftler nicht
prüfen können hat keinen Wert.“
Auch
eine große Gefahr für Verbraucher sieht Köhnlein nicht. Denn die angeblich
durch verseuchtes Rindfleisch verursachten Creutzfeld-Jakob-Erkrankungen (CJK)
seien kaum von anderen Varianten der Krankheit zu unterscheiden. Außerdem seien
die Handvoll Fälle, die aus England gemeldet wurden, auch anders erklärbar:
„JCK kann vererbt werden. Deshalb taucht es manchmal in einer Familie mehrmals
auf.“
Seine
Ernährung hat Köhnlein im deutschen BSE-Winter nicht umgestellt. Er isst weiter
seine Steaks: „Keine Angst vor deutschen Rindfleisch! Niemand kann CJK von
Rindergulasch bekommen.
Die
Briten haben zwanzig Jahre lang wie verrückt Tiermehl exportiert. Trotzdem
kamen 99 Prozent aller weltweiten BSE-Fälle auf der Insel vor. Fast der gesamte
Rest in der Schweiz, wo Phosmet in geringem Ausmaß ebenfalls angewendet worden
sind.
Die
Hilflosen in der deutschen Politik wird das wohl noch mehr verwirren, scheinen
sie den Ansatz doch nicht zu kennen. Oder wollen sie ihn nicht kennen?
Kritik
am BSE-Krisenmanagement kommt nicht nur vom Kieler Internisten. Auch die
Fraktion von Bündnis90/Die Grünen im Cuxhavener Kreistag findet den Umgang mit
BSE-verdächtigen Tieren und Höfen falsch.
Brunhild
Ritzenhoff, agrarpolitische Sprecherin der Fraktion: „Die Bauern werden auf
ganzer Linie eingeschüchtert. Kaum taucht ein Verdacht auf, wird gleich der
ganze Viehbestand gekeult.“ Sie macht auch keinen Halt vor Brüssel und Berlin:
„Widerstand muss sich formieren, gegen das Vernichten von ganzen Herden,
Widerstand auch gegen eine ,Interventionspolitik‘ von Brüssel und Berlin. Zwei
Millionen Rinder sollen bis Mitte des Jahres verbrannt werden. Doch auch Kritik
an den Bauern übt Brunhild Ritzenhoff. Die sollten sich aus der Umklammerung
der Agrarlobby lösen und sich auf den regionalen Markt konzentrieren. „Die
Bauern müssen nur auch in der Lage sein, das Futter, was sie für die Tiere
benötigen, weitestgehend selbst zu erwirtschaften.“
BSE
- vielleicht der größte Unfall industrialisierter Landwirtschaft.