Guten Tag, liebe Freunde und Mitglieder in der Arbeitgebervereinigung der Heilberufe, im Aktions-Kreis Heilberufe und in der interessierten Leserschaft dieser Zeitschrift CO'MED!
Unsere AVH versteht sich bekanntermaßen als fächerübergreifende Organisation der HeilberuflerInnen. Sie wendet sich Themen zu, die aktuell und von humanökologischer Brisanz sind. Sie dient dem Menschen und seiner physischen und psychischen Komplexität.
Zur Zeit sind die Zeitungen voll von angsterzeugender Problematik: Schlagworte: Tiermehlverfütterung, B S E (Bovine Spongiforme Enzephalopathie), Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (ein menschlich lebensgefährdendes Syndrom, das zwar ‚ätiologisch' sein soll, aber alle Anzeichen von sequenziellen und komplexen hat), Seuchengefahr und Menschen-Tod beherrschen die Öffentlichkeit, also auch die HeilberuflerInnen. Ist die These von der Infektiosität wirklich einfach zu verstehen, oder mengen sich Unwirklichkeiten als Falschaussagen in unsere Verantwortungen? Ist die ‚Infektiosität' wirklich, oder handelt es sich um eine "Induktion", die sehr viele einzelne Ursächlichkeiten haben kann, die entweder einzeln sehr stark, oder aber nur in der Summation zu dem Zustand führen, den wir BSE nennen? Die Beschreibung BSE ist nämlich ‚nur' morphologisch. Sie beschreibt, dass aneinanderliegende Nervenzellen schwammartige Auflösungserscheinungen zeigen. Sie sagt weder über Ursachen, noch über einen vermuteten individuellen Verlauf etwas aus.
Die BSE-Ursachen-These, damit auch ein Dogma für HeilberuflerInnen, lautet: BSE ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns bei Rindern, die erstmals 1986 in Großbritannien beschrieben wurde. (Seit 1990 sollen alle BSE-Fälle in Europa gemeldet werden). BSE oder Rinderwahnsinn gehört zu einer Gruppe von Krankheiten, zu der auch die Traberkrankheit bei Schafen und Ziegen, die übertragbare Enzephalopathie bei Nerzen und eine chronische Erkrankung bei Elchen gehörte.
Bisher ging man bei der Beurteilung des ‚Rinderwahnsinns' von der Vermutung aus, dass er ‚infektiös' durch kontaminiertes Tierkörpermehl übertragen wird. Tiermehl wird aus Kadavern gewonnen. Dieses Mehl wurde an diversen Stellen wieder in die Nahrungskette eingeführt (manchenorts wurden Fertigfutter damit ‚gestreckt'), sodass es auch in andere Arten, die ursprünglich keine Fleischfresser sind, oder aber in die humane Nahrungskette gelangt. Seit 1994 durfte Tiermehl nicht mehr an Wiederkäuer verfüttert werden, blieb aber bis 2000 ein wesentlicher Eiweißträger in der europäischen Landwirtschaft, deren Charakteristikum mangels expansiver Land-Nutzung bekanntlich Stallhaltung ist.
In den Gehirnen von an spongiformer Enzephalopathie erkrankter Tiere hat man
Prionen (proteinaceus infectious particles) entdeckt. Das sind Eiweiße, die
weder Einzellern, noch Bakterien, noch Viren zuzuordnen sind. In ihren
fibrillären Proteinstrukturen ist keine eigene Nukleinsäure nachweisbar und
somit keine genetische Information, die ihre Vermehrung ausmachen könnte.
Genetiker und Eiweißforscher um den U.S.-Professor LEWIN nehmen an, dass
langlebige Säugetierzellen ‚Vorläufer-Proteine' haben, die mit Prionen
strukturell nahe verwandt sind. Dringt ein ‚aktiviertes Prion' in die Zellen
ein, oder induzieren andere Mechanismen, werden die "Vorläufer-Prionen"
durch ein einziges Exon kodiert und dadurch plötzlich umgewandelt. In den
betroffenen Zellen wandeln sich so viele Eiweiße um, dass diese Zellen
aufgefüllt und völlig funktionslos werden. Aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit
Säugetier-Proteasen werden die umgewandelten Eiweiße aber weder als Antigen
erkannt, noch wird eine Immunanwort des Wirtes gefunden. Diese wäre wohl bei
Intron-kodierten DNS- oder RNS-Proteinen zu erwarten. Prionen befallen nur
langlebige Nervenzellen und rufen in einem schleichendem Verlauf Krankheiten
hervor, zu denen auch die Kuru-Krankheit der früher rituell gehirnessenden
Kannibalen Neuguineas und die Variante der Spastischen Pseudosklerose des
Menschen (var.CJK - Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung) gehört.
Was wissen wir ?
Es gibt also eine Veränderung, die man bei der Sektion toter Tiere im
Zentralnervensystem und in Nervenbahnen findet, die schwammartig aussieht und
auf den Zerfall langlebiger Zellen schließen läßt. Noch gibt es beim Lebenden
keinen ‚Schnelltest', mit Ausnahme einiger, die viele Vermutungen bestätigen
würden. Da wir gewöhnt sind, Krankheiten nach EINEM Erreger auszuleuchten, um
diesem zu begegnen, suchen wir den Auslöser. Es scheint aber viele zu geben. Es
scheint auch unterschiedliche Verläufe zu geben. Es scheint sich so zu
verhalten, wie bei vielen anderen, bisher wenig bekannten ‚Syndromen dritter
Ordnung': Die Ökologie ist betroffen, es gibt unterschiedliche Zeichen, die
auch unterschiedlich zu deuten sind, am Ende erst steht der Funktionsausfall des
Lebewesens.
1996 haben Petra Wucher, München, und Hans-Joachim Ehlers, Sauerlach, in einer
Zeitschrift (raum&zeit Nr. 84) eine aus heutiger Sicht beispielhaft
kritische Stellung bezogen: BSE: EIN PHARMA-UNFALL ?
Die Kritik verursacht eine möglicherweise heiße BSE-Spur in die Küchen der Pharma-Industrie: Ein äußerst wirksames Insektizid gegen die Rinder-Dasselfliege, das seit 1978 in Großbritannien und später auch in der Schweiz verwendet wurde, ist in Verdacht geraten, auch ursächlich den Rinderwahn auszulösen. Das äußerst starke Nervengift (alle Insektizide sind Nervengifte) wirkt über das Rückenmark der Rinder und zersetzt möglicherweise nach und nach das Hirn.
Sollte das zu beweisen sein, käme auf den betroffenen Pharmakonzern, dem Hersteller des Insektizids, ein Schadenersatz-Betrag von einigen Milliarden zu. Sollte es sich jedoch um einen wie auch immer gearteten ‚Erreger' handeln, wäre aber "Höhere Gewalt" im Spiel.
Wissen oder Irrtum ?
Da angenommen ist, dass BSE des Rindes und anderer Tierarten und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) beim Menschen identisch sind, wird es humanmedizinisch brisant!
Die ‚Seuche' selbst ist seit Jahren bekannt, spezifische Erreger oder
Toxine, die Prionen alterieren, werden noch immer gesucht.
Heute gibt es aber einen noch völlig anderen Aspekt:
Autoren sehen bestimmte Öko-Toxine aus Insektiziden als Exon-kodierende Agentien an. Von Insektiziden ist bekannt, dass sie Giftstoffe sind, die nur deshalb ‚human' unbedenklich sein sollen, weil der Mensch ein wesentlich höheres Körpergewicht hat als die Insekten. Deshalb sind die gängigen Insektizide nicht zugleich Kampfstoffe gegen Menschen. Das gilt übrigens für diverse in der Agrarwirtschaft verwendete Chemikalien.
Ein Konzern hat ein hochwirksames Insektizid gegen die Dasselfliege entwickelt. Diese Fliege legt ihre Eier, aus denen sich dann die Larven entwickeln, im Rückenmark der Rinder ab (Folge ist Myiasis). Also musste zur wirksamen Bekämpfung der Dasselfliege ein Insektizid entwickelt werden, das ins Rückenmark der Rinder eindrang. Dieses Mittel besteht u.A. aus Organophosphaten, mit denen man seit 1978 im Vereinigten Königreich experimentierte. Ab 1985 wurde das Insektizid zur Bekämpfung der Fliege in Großbritannien vorgeschrieben. In der Schweiz wurde es ebenfalls kurze Zeit verwendet.
Die Autoren zitieren, dass das starke Nervengift, das zur Anwendung auch in Deutschland üblicherweise über den Rücken der Rinder gegossen wird, allmählich in das Rückenmark eindringt und über das Rückenmark ins Hirn gerät. Hier löst das sehr starke Nervengift vermutlich nach und nach deswegen eine Art Gehirnerweichung aus, weil u.a. die Prionen, bis zu toxisch aggressiven Substanzen verändert, wiederum metabolisieren und in neuralen Geweben zerstörerisch wirken.
Irrtum oder Wissen ?
Das Insektizid enthält übrigens neben Organophosphaten auch Thallium-Verbindungen.
Von Thallium ist bekannt, daß es Enzephalitis auslösen kann.
Das Resultat wäre also nach dieser These zwischen Erreger- und
Vergiftungs-Ätiologie gleich. Es gibt aber noch einen anderen Unterschied:
Erreger werden bei bestimmten Erhitzungen inaktiviert oder vernichtet. Deshalb
hat man seit 1996 vorgeschrieben, dass Kadaver, die in Deutschland zu Tiermehl
verarbeitet werden, 20 Minuten auf 133 Grad erhitzt werden müssen, um ‚Erreger'
zu vernichten.
Das, was für Erreger gilt, gilt aber noch lange nicht für Ökotoxine: Nervengifte werden erst bei Temperaturen über 200 Grad Celsius langsam zerstört (Vergleiche hierzu Vernichtung von chemischen Kampfstoffen). Deshalb wäre die geübte Erhitzung nicht ausreichend, um Nervengifte zu zerstören, wenn die gleichen Produkte, nämlich mit Insektengift behandelte Tiere, verarbeitet würden.
Die These, dass chemische "Vergiftung", hervorgerufen durch einen oder mehrere Stoffe, z.B. Organophosophate und Thallium-Verbindungen, eine Ursache von BSE ist, könnte möglicherweise erklären, warum veränderte Prionen nicht regulär, wie andere Eiweiße, abgebaut werden. Funktionelle Gruppen an Aminosäuren oder auch Glykoproteine (auch veränderte Prionen) können über unterschiedliche Chemismen blockiert werden, so dass sie ihre ursprünglichen Funktionen nicht mehr wahrnehmen können. Die so in einem vorgeschalteten Stoffwechselprozeß blockierten Aminosäuren oder Glykoproteine entfalten dann toxische Wirkungen auf den Organismus. Die Schadwirkung akkumuliert auch bei kleinen oder kleinsten Dosen.
Dies würde bedeuten, dass BSE eine langsame chronische Vergiftung (mit sehr langer Inkubationszeit) ist, die durch die zeitweise Aufnahme des Nervengifts von Insektiziden und dessen anschließende Metabolisierung deswegen tödlich verlaufen würde, weil die befallenen Nervenzellen in Gehirn, Rückenmark und im Körper bei weitem nicht so schnell regenerieren, wie andere Zellen.
Die These der allmählichen Vergiftung der Rinder durch Pharmaka, nämlich
hier der Insektizide, mit tödlichem Ausgang, könnte auch auf die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit
übertragen werden: Der Aufbau des Nervensystems der Säugetiere stimmt zum
großen Teil überein, weshalb dessen Schädigung durch das gleiche Gift
durchaus ähnliche Wirkungen bei Rind und Mensch haben kann.
Wird aber nach der hier vorgestellten These BSE durch eine Vergiftung
hervorgerufen, dann müssten zum Schutz der Menschen die Insektizide verändert
und freigemacht von toxopriono-aktiven Chemikalien werden.
Die bereits betroffenen Tiere (aber offensichtlich nur diese, möglicherweise auf ihre Nachkommen) und deren Produkte dürften allerdings nicht mehr in die Nahrungskette gelangen.
Unterschiedliche Verursacher-Theorien in Wissenschaft und Irrtum führen zu unterschiedlichen Konsequenzen, die zu regularisieren sind. Hier sind die Biochemiker und Virologen gefragt (warum eigentlich erst jetzt - sogenannte ‚slow-virus-diseases' kennt man schon länger?). Regularisieren lässt sich allerdings nicht der landwirtschaftliche Eiweißbedarf in den europäischen Aufstallungs-Regionen und nicht die Benutzung von Insektiziden. Genauso wenig liessen sich hier ein Landwirtschaftsminister und dort seine Gesundheitskollegin regularisieren. Sie standen, heute stehen Andere unter Erklärungs- und Erfolgszwang, oder sie ‚verschleppen' die Problematik. Solange man noch nicht wissen kann, ob es sich bei den ‚verschiedenen' ‚Krankheits'-Bezeichnungen tatsächlich um klar zu deutende Bilder handelt, solange noch nicht klar ist, was ursächlich, was sequenziell und was so komplex ist, dass es ausgefeilten Vorgehens bedarf, müssen Politiker in Legislaturzwang völlig hilflos sein und nur nach Tagesbedarf ‚politisch' handeln.
Während praktizierte Wissenschaft und ihre weltliche (kommerzielle) Vertretung, die Politik, vor-sich-hin-irrtümeln und am Ende einer Kette von Problemen Panik verursachen, haben sich die HeilberuflerInnen darauf einzustellen, dass - lassen Sie uns die Zeit nutzen! - mit Verzögerung nach "BSE" die Sorge um "v.CJK" kommt. Wir haben uns zu disziplinieren, um nicht auf scheinbar ‚einfache' Ursache-Wirkungsbeziehungen hereinzufallen. Hier wird kurzfristig Grundlagenforschung in Praktizierbares umgesetzt werden müssen. Alle Welt wird nach Durchgreifen der Rechtssicherheit schreien, nach Verboten und Geboten, nach (neuen) chemischen Wirkstoffen schreien, sensiblere Tests und Impfungen fordern. Dabei spielen zunächst die Erkenntnisse aus der angeblichen Tierinfektion, später aber die Erkenntnisse aus der Früherkennung vom menschlichem Schaden eine Rolle. Tatsächlich hat das Humane das menschliche Leben in heutiger Zeit vorrangig zu beachten, mitsamt seinen Umständen.
Die TOXIKOLOGIE im Zusammenhang mit der HUMANÖKOLOGIE benötigt in Zukunft einen höheren Stellenwert, als heute.
Die Folge ist nämlich wieder einmal nicht gleichzusetzen mit der Ursache. HeilberuflerInnen haben die Konsequenzen zu bedenken, die eine unvollkommene Ätiopathogenese bei der medizinischen Leistung verursacht. Sie sollten sich unter den geschilderten Umständen ihrer Profession widmen und das Individuum Mensch so untersuchen und versorgen, wie es ihre Ethik verlangt. Diagnostik, durchführbare Therapie und Prognostik unterliegen auch weiterhin den medizinischen Regeln. HeilberuflerInnen müssen sich der wissenschaftlichen Irrtümer im derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand enthalten, weil einmal mehr Panik verbreitet wird, die davon ablenkt, dass sozio-ökonomische und lebensstiltypische Probleme noch wenig fassbaren Einfluss haben auf das praktizierbare Gesundheitscoaching, die allgemeine Prävention und die ausübbare Medizin.
Ein sicheres Auge und kritisches Verständnis wünscht Ihnen
Ihr Univ.-Prof.a.D.Dr. Heinz Spranger, Dersum