Von Michael Leitner und Jan-Philipp Hein
Robert Gallo ist wohl eine der schillerndsten, zugleich aber auch umstrittensten Figuren der Wissenschaftsszene.
Es gab Skandale um seine Person, er hat schon immer polarisiert. Und auch im Rampenlicht hat er ausreichend
Erfahrung. Schließlich galt er lange Zeit als Entdecker des Humanen Immundefizienz Virus (HIV).
Heute sollte es wieder ein großer Tag für ihn werden, in der Frankfurter Paulskirche am 14. März 1999. Für seine
Leistungen in der Tumorvirologie soll er eine der bedeutendsten deutsche Auszeichnung im Bereich der Medizin
bekommen, den Paul-Ehrlich-Preis.
An diesem Sonntag sind die geladenen Gäste in bester Stimmung. Bis auf einige Wissenschaftler, die dem Festakt aus
Protest ferngeblieben sind.
Vor der Paulskirche ist die Stimmung allerdings auch nicht die beste. Denn unter blauem Himmel versammeln sich ein
paar Dutzend Demonstranten auf dem Vorplatz. Sicherheitsbeamte schirmen Robert Gallo auf dem Weg in die Kirche ab.
Rückblende: 1984 verkündete Gallo auf einer Pressekonferenz zusammen mit der damaligen amerikanischen
Gesundheitsministerin Margaret Heckler, das Humane Immunschwächevirus HIV sei der Erreger von AIDS. Natürlich sei
es seine Entdeckung gewesen. Wie später ans Licht kam hatte er HIV geklaut, vom französischen Forscher Luc
Montagnier.
Von den Demonstranten zeigte Robert Gallo sich genauso wenig beeindruckt wie die grüne Bundesgesundheitsministerin
Andrea Fischer. Die findet in ihrer Festrede nur lobende Worte für den US-Virologen: „Die Verleihung von Preisen
gehört zu den besonders schönen Aufgaben insbesondere, wenn ein international renommierter Wissenschaftler
gewürdigt wird.“ So lobte die Ministerin seine angebliche Virus-Entdeckung. Sie habe bereits 1984 die Entwicklung
eines Tests zum Nachweis einer HIV-Infektion über Antikörper ermöglicht.
Zu einer gänzlich anderen Einschätzung über Gallo kam einige Jahre zuvor der Bundestag, dem auch Frau Fischer
damals angehörte: Einer der aufwändigsten Untersuchungsausschüsse in der deutschen Geschichte kam in seinem
Abschlussbericht zum Bluterskandal zu folgenden Feststellungen:
- Gallo habe zunächst versucht, mit den von ihm entdeckten HTLV I+II andere Viren als HIV zur Ursache von AIDS zu
erklären. Wörtlich: „Im April 1983 behauptete Doktor Gallo vom Nationalen Krebsinstitut, Bethesda, USA, dass
menschliche T-Zell-Leukämieviren (HTLV) als Ursache von AIDS in Frage kommen. Die Zahl der erfolgreichen
Isolierungen aus AIDS-Patienten war jedoch sehr gering.“
- Gallo habe sich 1984 ein Virus seines Konkurrenten Luc Montagnier, damals beim Pasteur-Institut, angeeignet.
Beide Viren seien genetisch völlig identisch "womit bewiesen war, dass das Labor Gallo das französische Isolat
kultiviert und publiziert hatte. Es war ihnen Monate zuvor von Montagnier zum Zwecke der Charakterisierung und
Bestätigung zugesandt worden."
- Gallo habe vor seiner HIV- Patentierung den Konkurrenten Montagnier scharf attackiert, Montagniers Ergebnisse
als künstliche Laborphänome bezeichnet, Veröffentlichungen der Arbeiten Montagniers verhindert: „Dies verhinderte
ebenfalls, dass frühzeitig aufgrund der Annahmen der französischen Virusforscher ein Testverfahren zur Erkennung
der Antikörper entwickelt wurde.“
Gallo wurde in Frankfurt nicht für die Aneignung des HIV seines Kollegen Montagnier geehrt, sondern für die
Entdeckung seiner Leukämieviren HTLV I + II Ende der 70er Jahre. Doch Reinhard Kurth, Chef des Robert Koch
Institutes (RKI), beschrieb diese Leukämieviren 1993 als Mitverursacher einer sehr seltenen Leukämieart. Es waren
die gleichen Viren, die Gallo 1983 vergeblich als AIDS-Erreger zu etablieren versuchte.
Professor Heinz Ludwig Sänger, er bekam 1978 den Robert-Koch-Preis für die Isolation eines besonders schwer
nachzuweisenden Virus, findet harsche Worte, nicht nur für den Virusforscher Gallo: „Alles, was die Retrovirologie
seit den 70er Jahren als Viren beim Menschen behauptet hat, ist ein einziger Betrug. In keiner Arbeit findet man
eine wissenschaftlich gültig Virusisolation. Das, was als Viren fotografiert ist, sind körpereigene Stoffe, die
findige Wissenschaftler als scheinbare Krankheitserreger haben patentieren lassen.“
Nach der vorherrschenden Theorie sind Retroviren ein Sonderfall. Sie haben keine DNA wie andere bekannte
Lebensformen, ihre Erbinformationen liegen gewissermaßen als "Negativ" vor. Dieses Negativ ist die RNA. Retroviren
schreiben ihre Erbinformationen, wie andere Viren, in das Genom der von ihnen infizierten Zellen ein. Weil sie
aber keine eigene DNA haben, die sie direkt in die DNA der Zelle kopieren könnten, brauchen sie ein Hilfsmittel.
Ein Enzym, das die RNA des Retrovirus in die DNA der Zelle umschreiben soll. Es heißt Reverse Transkriptase (RT).
Für die Entdeckung dieses Enzyms gab es 1975 den Nobelpreis für Medizin. Seitdem gilt folgende Regel: Findet ein
Wissenschaftler RT in einer Zellprobe, ist dies ein Beweis für die Vermehrung von Retroviren.
Doch es gibt einen Haken: In wissenschaftlichen Studien wurde mittlerweile bewiesen, dass RT nicht unbedingt mit
Retroviren zu tun hat. So schrieb Harold Varmus in der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" schon 1987, dass RT
sogar in normalen Zellen von Hefe, Insekten und Säugetieren aufträte.
Heinz Ludwig Sänger: „Wenn etwas mit einem Nobelpreis ausgezeichnet ist, dann wird es nicht mehr angezweifelt,
auch wenn sich herausstellt, dass es Unsinn ist. Es ist absurd, den direkten Nachweis des Vermehrens von Viren
durch den Nachweis von RT zu ersetzen. RT ist ein Reparaturmechanismus von Zellen und hat nichts mit Retroviren zu
tun.“
Bereits seit 1985 weiß man, dass die "Reverse Transkription" eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung
der Struktur des kompletten Chromosomensatzes einer Zelle spielt. Sie hilft, Chromosomenbrüche zu reparieren und
speziell den Schwund der Endstücke der Chromosomen bei der Zellteilung in Schranken zu halten.
Dieses führte innerhalb der Retrovirologie jedoch nicht zu einem Umdenken. Weder HIV, noch alle anderen Retroviren
wurden hinterfragt. Der entscheidende Nachweis ihrer Vermehrung war und ist RT. Und um diese RT zu produzieren,
den Zellgemischen, in denen angeblich Retroviren enthalten sind, Krebszellen und eine große Anzahl künstlicher
Stimulanzien zuzusetzen.
Zurück zu AIDS- Forscher Robert Gallo. Er habe 1984 nicht nur etwas publiziert, was sein Konkurrent Montagnier
entdeckt hatte. Er veröffentlichte und patentierte 1984 ein Virus, dass er „bei einem hohen Prozentsatz von
Patienten mit AIDS-Vorstadien (86 Prozent), bei klinisch gesunden Müttern von jungen AIDS-Patienten (75 Prozent)
und bei Erwachsenen mit AIDS (30 Prozent) gefunden hatte", so der Bluteruntersuchungsauschussbericht zu Gallos
ersten Arbeiten zu HIV.
Gallo fand „sein“ Virus also häufiger in gesunden Müttern von AIDS- Patienten, als in den Patienten selbst.
„Spätestens hier hätte jedem klar sein müssen, dass an der Geschichte mit Gallos Todesvirus etwas ganz
Entscheidendes nicht stimmen kann“, sagt Heinrich Kremer, ehemaliger Medizinaldirektor, und ärztlicher Leiter
einer Drogenklinik, die von fünf Bundesländern getragen wurde. Ein Todesvirus könne doch nicht bei kranken Kindern
häufiger nachweisbar sein, als bei ihren gesunden Müttern. „Es ist unglaublich, dass Gallos Entdeckung des HIV als
Ursache von AIDS damals von Wissenschaftlern der ganzen Welt angenommen wurde", so Kremer.
Ähnlich Alfred Hässig, mittlerweile verstorbener Mitbegründer des Schweizer Blutspendewesens und Mitglied in
AIDS-Gremien der WHO. Er sagte 1997: „Gallos Virus wurde auf einer Pressekonferenz zusammen mit der US-
Gesundheitsministerin einfach der Welt verkündet. Es wurde niemals diskutiert, auch nicht auf Gallos
anschließenden wissenschaftlichen Vorträgen.“ Niemand habe gezweifelt, auch er selbst nicht. „Ich habe etwas
später einen wissenschaftlichen Kurzartikel an das Wissenschaftsmagazin ‚The Lancet’ geschrieben." Doch dieser
Brief ist nie veröffentlicht worden. Begründung damals, so Hässig: „Man habe keinen Platz dafür.“
Der Arzt Heinrich Kremer hat sich auch mit den Labortechniken von Gallo beschäftigt, die zur Patentierung des HIV
führten: „Die Zellproben von AIDS- Patienten, die ihm Montagnier geschickt hatte, wurden mit Lymphzellen der
Angehörigen von Risikogruppen, der Wachstumsstimluanz Hydrokortison und Leukämiezellen vermischt. Erst dadurch
gelang es, genügend RT festzustellen, um ein Retrovirus behaupten zu können.“ Nun habe nur noch eins gefehlt:
"Jetzt brauchte er noch eine elektronenmikroskopische Aufnahme mit virenähnlichen Partikeln, und schon konnte er
behaupten, dass er das Todesvirus gefunden habe.“
Und bis heute weiß keiner, wie dieses Virus AIDS
erzeugt, die Immunzellen schädigt.
Sicher ist hingegen: Die Verkündigung des Retrovirus HIV als AIDS-Erreger durch Gallo führte auch zu den
hochtoxischen Therapien. In dem Denkmuster, dass HIV ein Retrovirus ist, machen Medikamente wie Retrovir durchaus
Sinn, wenn sie in der Praxis so funktionierten, wie in der Theorie. Ist HIV aber kein Retrovirus, und ist es nicht
der AIDS-Erreger, kann es eigentlich keine Rechtfertigung für diese Medikamente geben. Sie töten alle Zellen,
nicht nur die vermeintlich HIV-infizierten. Es ist nicht schwer, sich auszumalen, was das für den menschlichen
Organismus bedeutet.